Wer will geliebt werden?
Geliebt zu werden ist der natürlichste Wunsch, den wir kennen. Von Anfang an sehnen wir uns nach Nähe, nach Zuwendung, nach Wärme und willkommen zu sein, so wie wir sind. Und doch erleben wir oft das Gegenteil: Je mehr wir die Liebe suchen, desto mehr scheint sie sich zu entziehen. Wir tun viel, um liebenswert zu sein, und erfahren nur selten Erfüllung. Vielleicht hilft es, die Frage einmal umzudrehen. Statt zu fragen, wie wir mehr Liebe bekommen, schauen wir auf den, der geliebt werden will. Dieser Perspektivwechsel verändert alles. Jetzt geht es darum, den Wunsch nach Liebe zu verstehen und zu schauen, woher er kommt.
Der Wunsch, geliebt zu werden
Der Wunsch nach Liebe prägt uns früh und tief. Als Kinder spüren wir genau, was uns Zuwendung bringt und was sie uns entzieht, und wir richten uns danach aus. Wir werden gefällig, lustig oder abwartend, wir passen uns an oder ziehen uns zurück, um nicht verletzt zu werden. So entsteht mit der Zeit ein feines, oft unbemerktes Bemühen, liebenswert zu sein. Wir zeigen uns von einer Seite und halten eine andere verborgen, und immer wartet etwas in uns auf ein Zeichen, dass wir gesehen werden und genügen. Genau diese subtile Anstrengung stellt sich leise zwischen uns und den anderen. Wer ständig darum bemüht ist, geliebt zu werden, kann sich kaum noch unbeschwert so zeigen, wie er ist. So verdeckt die Suche nach Liebe gerade den Menschen, der geliebt werden möchte. Hier ein Beispiel aus unserem Alltag: In einem Gespräch verhalten wir uns oft ein wenig anders, etwas freundlicher, etwas klüger, damit ein guter Eindruck entsteht. Kaum bemerkt, sind wir schon mehr mit dem Bild beschäftigt, das der andere von uns haben soll, als mit ihm selbst.
Woher der Mangel kommt
Schauen wir genauer hin, woher dieser Wunsch seine Kraft nimmt. Unter ihm liegt ein leises Gefühl, nicht genug zu sein, ein Mangel, der gefüllt werden möchte. Das ist dieselbe Suche, die uns schon ganz früh in unserem Leben bestimmt hat. Wenn wir uns unvollständig fühlen, machen wir unbewusst den anderen zur Quelle dessen, was uns zu fehlen scheint. Die Liebe wird dann zu einem Mittel, einen inneren Mangel aufzufüllen. Der/die andere bekommt eine Aufgabe, die er/sie gar nicht erfüllen kann. Doch eine Liebe, die einen Mangel stillen soll, trägt den Mangel schon in sich. Sie bleibt hungrig, sie misst und vergleicht und fürchtet, zu kurz zu kommen. Selbst wenn Zuwendung kommt, reicht sie nie ganz. Aus diesem Mangel heraus beginnen wir zu vergleichen. Wir schauen, wer mehr bekommt und wer bevorzugt wird, und jede Zuwendung an einen anderen fühlt sich an wie ein Verlust für uns. So wird gerade das Suchen nach Liebe zu einer der stillen Ursachen dafür, dass wir uns ungeliebt fühlen.
Wer ist es, der geliebt werden will?
Wer genau will eigentlich geliebt werden? Suchen wir den, der da hungert, so finden wir kein festes Wesen, nur ein Bild von uns selbst: eine Geschichte, einen Namen, ein Gefühl von Ich, das sich getrennt fühlt und nach Liebe verlangt. Der/die, der/die geliebt werden will, ist selbst eine Vorstellung. Genährt von der Vergangenheit und von der Angst, zu kurz zu kommen. Doch was geschieht, wenn wir einen Augenblick innehalten und einfach gewahr sind, vor allen Geschichten? Dann ist da niemand, der etwas braucht. Da ist nur waches, offenes Dasein. Ich bin. In diesem schlichten Gewahrsein lässt sich der Mangel nicht finden, so sehr wir auch suchen. Er gehört zum Bild, nicht zu dem, was wir wirklich sind. Da erkennen wir, dass der, der ständig zu wenig hatte, nie unser wahres Wesen war, nur eine vertraute Annahme über uns selbst.
Die Fülle, die wir schon sind
In diesem einfachen Gewahrsein, das wir schon sind, liegt eine stille Grundstimmung von Frieden und einer grundlosen Freude. Hier fehlt nichts. Wer hier ankommt, und es ist ein Ankommen, kein Erreichen, entdeckt etwas Überraschendes: Was wir die ganze Zeit im anderen gesucht haben, ist hier schon da. Die Liebe ist nicht erst zu gewinnen, sie ist der Grund selbst, aus dem wir leben. Und damit verschiebt sich alles ganz leise. Liebe ist dann nicht mehr etwas, das wir bekommen, sondern etwas, das wir sind. Der ewige Hunger darf sich legen, weil er gesehen und erkannt wurde und weil das, wonach er rief, nie wirklich gefehlt hat. Liebe und Nähe zu erfahren wird leichter und freier, weil wir gestalten und nicht mehr von anderen abhängig sind.
Lieben aus Fülle
Aus dieser Fülle heraus kehrt sich die Liebe um. Sie muss nicht mehr eingefordert werden, sie darf strömen. Wer nicht mehr aus Mangel sucht, kann einfach lieben, ohne Berechnung und ohne Bedingung. Wir teilen, was wir im Grunde sind, und genau dieses Teilen ist Liebe. Der andere muss uns nicht mehr vervollständigen, und so wird echte Verbindung möglich. Wir brauchen ihn nicht festzuhalten und nichts mehr von ihm zu fordern, und so darf er frei vor uns stehen, als der Mensch, der er ist. Und auf einmal kann auch das Geliebtwerden geschehen, leicht und unbeschwert, weil wir aufgehört haben, es einzufordern. Wer aus Fülle liebt, wird liebevoll, und das berührt auch den anderen. So schließt sich der Kreis von Lieben und Geliebtwerden. Wer aus Fülle gibt, lebt in der Liebe, ganz gleich, ob sie im Moment erwidert wird. Und oft kehrt sie gerade dann zurück, wenn wir sie nicht mehr suchen. Wer will geliebt werden? Wenn die Frage ganz nach innen sinkt, löst sich der, der fragt, im Frieden auf. Was bleibt, ist die Liebe selbst, die wir schon sind und mit jedem Menschen teilen dürfen. Das ist die Essenz von allem: aus der Liebe zu leben, die wir schon sind, statt sie weiter zu suche