Bewusste Beziehung, offener Raum und Licht als Bild für Verbundenheit

Beziehung ist das Leben 

Wenn wir uns eine bewusste Beziehung wünschen, fragen wir meist, wie sie gelingt, warum sie scheitert oder wie wir mehr Nähe bekommen. Zuerst lohnt sich eine einfachere und zugleich weitreichende Frage: Was ist Beziehung überhaupt? Gewöhnlich denken wir dabei an einen anderen Menschen, an Partnerschaft, Familie, Freundschaft, manchmal an Konflikt, Sehnsucht oder Enttäuschung. Beziehung erscheint dann als ein Bereich unseres Lebens, neben Arbeit, Körper, Alltag und Spiritualität. Schon diese Sehweise ist der erste leise Schritt in die Trennung. Denn Beziehung ist das Leben selbst. 

Alles ist schon Beziehung 

Ohne Beziehung gibt es keine Erfahrung. Sehen ist Beziehung. Hören ist Beziehung. Berührung, Atem und Denken sind Beziehung, denn sie geschehen immer in Bezug zu etwas anderem. Selbst das, was wir inneres Erleben nennen, steht niemals für sich allein. Eine Empfindung erscheint und wird wahrgenommen. Ein Gedanke taucht auf und wird bemerkt. Ein Gefühl bewegt sich und steht in Verbindung zu Körper, Erinnerung und Wahrnehmung. Das lässt sich in jedem Moment unmittelbar prüfen: Während du diese Zeilen liest, hast du Kontakt zum Boden, zum Atem, zu den Geräuschen um dich herum und zum Licht im Raum. Alles erscheint in Beziehung. Nichts steht wirklich allein. Niemand muss diese Verbindung herstellen. Sie ist bereits da, in jedem Hören, in jeder Berührung, in jedem Atemzug. 

Warum wir uns getrennt fühlen 

Wie kann es dann sein, dass wir alle das Gefühl von Isolation kennen? Wir alle kennen das Empfinden, getrennt zu sein, nicht gesehen, nicht wirklich berührt, manchmal sogar mitten unter Menschen allein zu sein. Dieses Gefühl kann sehr stark sein und sich wie Wirklichkeit anfühlen. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ist Isolation eine Tatsache, oder ist sie eine Erfahrung, die entsteht, wenn das Denken zuvor ein Ich erzeugt hat, das sich vom Leben abgeschnitten fühlt? Körperliches Alleinsein und innere Isolation sind zweierlei. Man kann allein in einem Zimmer sitzen und vollkommen verbunden sein. Man kann mitten in einer Beziehung leben und sich tief getrennt fühlen. Die Wurzel liegt also in der Art, wie Erfahrung wahrgenommen und gedeutet wird. 

Wenn aus dem Wunsch ein Mangel wird 

Beginnt das Denken zu sagen, ich bin allein, niemand versteht mich, ich bekomme nicht, was ich brauche, dann entsteht daraus eine belastende innere Grundhaltung. Der Körper zieht sich zusammen, der Atem wird enger, die Wahrnehmung verengt sich, und das Gegenüber erscheint als jemand, von dem etwas abhängt. So beginnt die Suche. Suchen gehört zum Leben und ist zutiefst natürlich. Der Körper braucht Nahrung und Wärme, ein Kind braucht Zuwendung, und im menschlichen Miteinander gibt es Nähe, Fürsorge und Gespräch. Die feine Verschiebung geschieht erst dort, wo aus dem Suchen ganz leise die Erkenntnis eines Mangels wird, wo aus dem Wunsch nach Nähe unbemerkt der Gedanke wird: Mir fehlt etwas, ich werde erst durch eine andere Situation oder den anderen ganz. Der Wunsch selbst ist verständlich. Doch wenn sich das in ein Bild von mir verwandelt, mit der leisen Vorstellung, ohne den anderen bin ich nicht vollständig, wird aus einem lebendigen Wunsch eine wachsende stille Not. Dann wird Beziehung schwer. Die andere Person soll geben, was im eigenen Erleben zu fehlen scheint, z.B. Sicherheit, Bestätigung, Orientierung und Liebe. Oft geschieht das fast unmerklich. Wir sagen vielleicht, ich liebe dich, und darunter klingt mit, bitte bestätige mich, bitte enttäusche mich nicht, bitte gib mir das Gefühl, dass ich wertvoll bin. Solange diese Suche unbemerkt bleibt, nennen wir sie Liebe. Dann verwechseln wir Liebe mit dem Suchen nach Erfüllung, Nähe mit Besitz und Verbundenheit mit Abhängigkeit. Vielleicht ist es genau das, was Beziehung zugleich so schön und so schmerzhaft macht. Es fällt uns schwer, ehrlich zu sehen. 

Beziehung als Spiegel 

Ein liebevoller Blick auf die eigenen Beziehungen kann viel zeigen. Wo suche ich Bestätigung? Wo erwarte ich, dass mein Gegenüber mir ein bestimmtes Gefühl gibt? Wo entsteht Enttäuschung, wenn das ausbleibt? Wo ziehe ich mich zurück, und wo greife ich an, wenn ich mich unsicher fühle? Diese Fragen sind Öffnungen. In all diesen Bewegungen zeigt sich das Gefühl eines getrennten Ich, das etwas braucht, etwas festhält und sich fürchtet, nicht genug zu sein. Dieselbe Struktur kehrt im Großen wieder. Nationen verteidigen Grenzen, Gruppen ihre Identität, Menschen ihre Bilder von sich selbst. Die Form wechselt, die Struktur bleibt gleich. Es ist leicht, den Zustand der Welt zu beklagen. Schwerer und zugleich fruchtbarer ist es, dieselbe Bewegung im eigenen Herzen zu entdecken, denn dort wird sie unmittelbar sichtbar und lässt sich im Hier und Jetzt durchschauen. So wird eine bewusste Beziehung zu einem Spiegel. Das Gegenüber bringt an die Oberfläche, was in uns noch ungeklärt ist, und macht es sichtbar. Sage ich, du machst mich wütend, bleibe ich abhängig vom anderen. Erkenne ich dagegen, in deiner Gegenwart steigt Wut in mir auf, beginnt Freiheit. Dann muss ich nicht augenblicklich handeln, beschuldigen oder mich verteidigen. Ich kann sehen, und das öffnet eine andere Ebene. In diesem Sehen liegt Klarheit. Ärger zeigt eine Erwartung, Enttäuschung ein Festhalten, Angst die Suche nach Sicherheit, Eifersucht einen Besitzanspruch und Rückzug den Wunsch nach Schutz. All das darf so gesehen werden, wie es ist, ohne moralische Wertung und ohne spirituellen Anspruch. Nichts davon muss bekämpft werden. Es genügt, hinzusehen, und im Hinsehen wird das Festgefahrene wieder beweglich. 

Eine Liebe, die aus Fülle lebt 

Wenn Beziehung so verstanden wird, ist sie weit mehr als ein Ort, an dem wir Glück suchen. Sie wird zu einem Ort der Wahrheit. Sie zeigt uns, wo wir abgetrennt leben, obwohl das Leben ungeteilt ist. Es geht dann um etwas Stilleres als bessere Strategien oder Konzepte. Es geht darum, die Verbindung mit der Trennung zu erkennen. Wird sie erkannt, verliert sie ihre Selbstverständlichkeit, und es entsteht Raum, in dem Beziehung nicht augenblicklich zur Reaktion, zur alten Geschichte oder zur Verteidigung wird. Da ist dann einfach Wahrnehmung. Beziehung ist das Leben. Und wenn das so ist, dann sind Trennung und Isolation nicht das, was wir wirklich sind. Sie sind eine Erfahrung, die gesehen, erkannt und verwandelt werden kann. Vielleicht zeigt sich dann, dass Liebe nicht etwas ist, das wir bekommen, sondern etwas, das sichtbar wird, wenn das Suchen für einen Moment zur Ruhe kommt. Was so beginnt, ist eine schlichte und tiefe Aufmerksamkeit für all das, was die Liebe verdeckt. Genau dort, im einfachen Wahrnehmen dessen, was ist, beginnt eine Beziehung, die aus Fülle lebt. 

Ähnliche Beiträge