Liebe ist, was wir sind
Meist denken wir bei Liebe an ein Gefühl für einen bestimmten Menschen, an Nähe, an etwas, das kommt und geht, das wir gewinnen oder verlieren können. Liebe erscheint als etwas, das wir haben oder nicht haben, das uns geschenkt wird oder das wir geben. So suchen wir sie, hoffen auf sie und fürchten, sie zu verlieren. Und obwohl wir viel Liebe erfahren, ist da ein ständiger Hunger nach mehr. Doch Liebe ist weit mehr als ein Gefühl. Liebe ist das, was wir im tiefsten Grunde sind.
Was wir gewöhnlich Liebe nennen
Die Liebe, die wir kennen, bezieht sich fast immer auf ein Objekt. Wir lieben diesen Menschen, dieses Kind, diesen Freund. Liebe ist eigentlich frei und kostbar und wird doch so oft an Bedingungen geknüpft. Sie wächst und schwindet, sie hängt davon ab, wie der andere ist und wie er sich verhält. Werden wir enttäuscht, kühlt sie ab. Werden wir verletzt, zieht sie sich zurück. Wir teilen die Welt in jene, die wir lieben, und jene, die uns fremd oder unangenehm sind, und ziehen eine feine Grenze zwischen beiden. Diese Liebe kann uns glücklich machen, und sie kann uns auch belasten, wenn wir uns ganz von ihr abhängig machen. Wir strengen uns an, sie zu halten, und fürchten doch ständig, sie zu verlieren. Diese Form von Liebe kann eine erste, schöne Erfahrung sein. Sie deutet auf etwas Größeres hin, das durch sie hindurchscheint und das sie selbst auf dieser Erfahrungsebene noch nicht ganz erfasst.
Hinter dem Gefühl
Schauen wir auf das größere Bild, hinter dem Gefühl. Auch wenn gerade niemand da ist, den wir lieben, kann eine Zugewandtheit da sein, eine Offenheit, ein stilles Ja zum Leben. In einem ruhigen Moment, einem Spaziergang im Wald, im Atem, in der Stille des Morgens, kann ein tiefes Gefühl, eine leise Freude aufsteigen, auf nichts Bestimmtes gerichtet. Dieses Gefühl braucht kein Gegenüber. Es ist nicht die Antwort auf etwas, das uns gefällt, es ist einfach da, leise und ohne Grund. Vielleicht hast du das beim Anblick eines schlafenden Kindes erlebt oder beim Anblick der unendlichen Weite des Himmels, eine Verbindung, die nichts will und nichts braucht. In solchen Augenblicken ist die Liebe nicht an eine Person gebunden, sie ist ein präsentes Da-Sein. Wer das einmal erfahren durfte, ahnt etwas ganz Wichtiges. Liebe ist nicht nur ein Gefühl zwischen zwei Menschen. Sie ist die Energie unseres Seins, dieses inneren Raums, in dem alles erscheint.
Der Raum, in dem alles erscheint
Gehen wir noch einen Schritt tiefer und kommen bei dem einfachen Gewahrsein an, was wir schon immer sind, vor allen Gedanken und Bildern. Im Sein. Wer hier eine Weile ruht, bemerkt, dass dieser Raum nicht leer und nicht kalt ist. In ihm liegt ein tiefer Friede und eine grundlose Freude, und mit ihnen eine stille, offene Zuwendung zu allem, was erscheint. Dieses Gewahrsein wehrt nichts ab und hält nichts fest. Es lässt alles sein, es nimmt alles an. Es liebt nicht diesen und jenen, es liebt nichts und niemanden im Besonderen, es ist selbst die liebende Offenheit, in der alles Platz hat. Genau das ist die Essenz der Liebe, ein unbedingtes Annehmen, das nichts ausschließt. Liebe ist nicht etwas, das wir empfinden oder tun, sondern das, was wir im Grunde sind.