Frei sein mitten im Leben
Viele Menschen stellen sich Freiheit als einen Ort weit weg vom Alltag vor. Ein stilles Kloster, ein Strand am Meer, ein langer Urlaub ohne Termine. Dort, denken wir, könnten wir endlich frei sein. Und dann kommen wir zurück, und schon nach wenigen Tagen sind die alten Gedanken, Verpflichtungen und Reaktionen wieder da. Offenbar war diese Freiheit von Bedingungen abhängig. Solange die Welt ruhig war, fühlten wir uns frei. Sobald sie wieder Forderungen stellte, war es mit der Freiheit vorbei.
Wir suchen sie an der falschen Stelle. Die Freiheit, die wirklich trägt, entsteht nicht dadurch, dass das Leben endlich unseren Vorstellungen entspricht. Sie wird sichtbar, wenn wir erkennen, dass das, was wir sind, von keiner Erfahrung eingeschlossen oder begrenzt werden kann.
Warum die gewohnte Freiheit nicht trägt
Wir haben uns daran gewöhnt, Freiheit mit Wahlmöglichkeiten zu verbinden. Frei bin ich, wenn ich tun kann, was ich will. Wenn niemand mich einschränkt, wenn ich genügend Zeit habe, wenn die Umstände stimmen. Diese Freiheit hat ihren Wert, doch sie bleibt zerbrechlich. Das Leben verändert sich, andere Menschen haben andere Vorstellungen, der Körper folgt nicht immer unseren Wünschen, und manches geschieht, ohne dass wir gefragt werden. Eine tiefere Freiheit kann deshalb nicht davon abhängen, dass alles so wird, wie wir es gerne hätten. Sie liegt näher. Sie zeigt sich in der einfachen Gewissheit: Ich bin. Bevor wir wissen, wer wir sind, wissen wir, dass wir sind. Dieses Wissen müssen wir nicht herstellen, es ist schon da. Alles, was wir erleben, kommt und geht. Doch diese Gewissheit verschwindet in keiner Erfahrung.
Das bedeutet nicht, dass wir plötzlich keine Angst, keinen Ärger und keine Verletzung mehr erfahren. Gerade hier zeigt sich, ob Freiheit nur eine schöne Vorstellung ist oder tatsächlich gelebt wird. Ein alter Ärger kann auftauchen. Der Körper kann sich zusammenziehen. Ein vertrautes Muster kann innerhalb von Sekunden wieder da sein. Doch der Ärger sagt nicht, wer wir sind. Die Angst definiert nicht unser Sein. Auch das Muster erscheint in derselben lebendigen Gegenwart wie jeder andere Gedanke, jede Empfindung und jedes Gefühl. Wir müssen deshalb keinen Abstand zu unserem Erleben herstellen. Wir müssen es auch nicht überwinden, bevor wir frei sein dürfen. Wir können vollständig fühlen, was da ist, und zugleich erkennen, dass keine dieser Erfahrungen die Ganzheit unseres Seins beschädigt.
Freiheit inmitten der Erfahrung
Damit bekommt Freiheit eine andere Bedeutung. Sie ist nicht die Freiheit von der Erfahrung, sondern Freiheit inmitten der Erfahrung. Ein Nein kann auftauchen, ohne dass wir uns verhärten müssen. Ärger kann gefühlt werden, ohne dass er unser Handeln vollständig bestimmt. Traurigkeit kann uns durchdringen, ohne dass wir daraus eine Identität machen. Das macht uns nicht gleichgültig. Im Gegenteil. Wenn wir nicht mehr so viel Kraft dafür benötigen, uns selbst zu schützen, zu behaupten und zu verteidigen, können wir genauer wahrnehmen, was tatsächlich geschieht. Aus Reaktion kann eine Antwort werden. Aus Gewohnheit kann eine neue Möglichkeit entstehen.
Wenn Freiheit Liebe berührt
An diesem Punkt berührt Freiheit etwas, das wir Liebe nennen. Liebe ist mehr als ein Gefühl zwischen zwei Menschen. Gefühle verändern sich, Nähe verändert sich, Beziehungen verändern sich. Die tiefere Erfahrung von Liebe beginnt dort, wo wir den anderen nicht mehr ausschließlich als ein Gegenüber erleben, von dem wir etwas bekommen oder vor dem wir uns schützen müssen. Wir erkennen in ihm dasselbe Sein, dessen wir uns in uns selbst gewiss sind. Zwei Menschen bleiben zwei Menschen. Jeder hat seine Geschichte, seine Bedürfnisse, seinen Körper und seine Grenzen. Doch das Leben, das sich als beide zeigt, ist nicht geteilt.
Wir kennen Augenblicke, in denen das unmittelbar spürbar wird. Ein Blick, in dem für einen Moment nichts verteidigt werden muss. Eine Berührung. Das stille Sitzen mit einem Menschen, den wir lieben. Es kann auch mit einem völlig Fremden geschehen oder beim Blick in einen weiten Himmel. Für einen Augenblick tritt die gewohnte Selbstbehauptung zurück, und etwas wird selbstverständlich, das immer wahr war: Der andere und wir selbst sind Ausdruck desselben ungeteilten Lebens. Liebe muss dann nicht erzeugt werden. Sie ist die natürliche Wärme dieses Erkennens.
Das bedeutet keineswegs, zu allem Ja zu sagen. Gerade wenn Liebe nicht mehr mit Gefallenwollen verwechselt wird, kann sie sehr klar sein. Eine Grenze kann liebevoll sein. Ein Nein kann wahrhaftiger sein als ein angepasstes Ja. Wir können einen Menschen lieben und einer Handlung widersprechen. Wir können verbunden sein, ohne uns aufzugeben. Freiheit und Liebe stehen deshalb nicht gegeneinander. Sie gehören zusammen. Je weniger wir aus der Angst handeln, ein getrenntes Ich schützen zu müssen, desto freier können wir dem anderen wirklich begegnen.
Handeln ohne Schwere
Mit diesem Erkennen verändert sich auch unser Verhältnis zum Handeln. Wir müssen das Leben nicht länger als eine Aufgabe betrachten, die ein kleines Ich gegen große Widerstände bewältigen muss. Handeln geschieht weiterhin. Wir planen, entscheiden, arbeiten, gestalten, kümmern uns und übernehmen Verantwortung. Doch das Tun kann etwas von seiner Schwere verlieren. Dafür gibt es ein altes Bild: das Leben als Spiel (Lila). Damit ist keine Oberflächlichkeit gemeint. Das Leben kann schmerzhaft, ernst und herausfordernd sein. Spiel bedeutet hier, dass sich das Leben nicht nur aus Mangel und Notwendigkeit entfaltet. Es besitzt eine ursprüngliche schöpferische Freiheit. Es bringt Formen hervor, begegnet sich selbst, verändert sich und beginnt immer wieder neu.
Wir kennen das aus Augenblicken, in denen wir ganz in einer Tätigkeit aufgehen. Beim Schreiben, Malen, Kochen, Unterrichten, in einem intensiven Gespräch oder bei einer einfachen Arbeit mit den Händen. Das angestrengte Gefühl, alles selbst hervorbringen zu müssen, tritt zurück. Und trotzdem geschieht etwas sehr Waches und Präzises. Wir sind vollkommen beteiligt, aber das Ich steht nicht mehr ständig im Mittelpunkt. Das Leben wird nicht passiv. Es wird unmittelbarer.
Das ist die Freiheit, nach der wir eigentlich suchen. Keine Freiheit außerhalb des Lebens, sondern die Freiheit, dieses Leben vollständig zu leben. Wir müssen dafür kein anderes Ich erschaffen und keine vollkommene Version unserer Person werden. Was sich verändern möchte, darf sich verändern. Was gesehen werden muss, darf gesehen werden. Doch unsere Freiheit beginnt nicht erst am Ende dieses Prozesses. Sie liegt in dem, was wir schon jetzt sind. Dasselbe stille und lebendige Sein, das sich seiner selbst gewiss ist, erscheint als dieser Körper, diese Begegnung, dieses Handeln und diese Welt. Freiheit ist dann kein ferner Zustand mehr. Liebe ist kein Ideal. Beides wird zu einer Weise, mitten in diesem gewöhnlichen Leben zu sein: offen, klar, verbunden und ganz hier.