Weiter Himmel mit vorüberziehenden Wolken als Bild für Gedanken, die im offenen Gewahrsein erscheinen und vergehen.

Wer schaut, wenn du denkst?

Stell dir einen ganz gewöhnlichen Morgen vor. Du sitzt mit einer Tasse Kaffee am Tisch, und plötzlich bist du nicht mehr da. In Gedanken bist du längst im Büro, bei einem Gespräch, das noch gar nicht stattgefunden hat. Du planst, was du sagen wirst, du hörst schon die Antwort des anderen, du spürst die Anspannung im Körper. Und dann klirrt die Tasse, und du bist wieder am Tisch. Der Kaffee ist inzwischen lauwarm geworden.

Solche Augenblicke kennen wir alle. Wir sind ständig im Denken unterwegs, und meist bemerken wir es nicht einmal. Das Denken läuft weiter, und wir laufen einfach mit. Interessant wird es in dem Moment, in dem wir zum ersten Mal fragen, wer diesem Denken eigentlich zuschaut.

Der Beobachter, den wir hinzufügen

Wenn wir das Denken zu unruhig finden, versuchen wir oft, einen Schritt zurückzutreten. Wir stellen uns vor, es gäbe in uns einen ruhigen Beobachter, der die Gedanken von außen betrachtet, so wie man vom Ufer aus einen Fluss ansieht. Für einen Augenblick fühlt sich das entlastend an. Endlich sind wir nicht mehr mitten im Strom.

Doch schauen wir genau hin. Wer ist dieser Beobachter? Sobald wir ihn suchen, bemerken wir, dass auch er wieder ein Gedanke ist. Ein feines, ruhiges Bild von einem Ich, das schaut. Wir haben das Denken nicht verlassen, wir haben ihm nur einen weiteren Gedanken hinzugefügt, den Gedanken an einen Beobachter.

Das ist keine Kleinigkeit. Es ist der Punkt, an dem sich fast alle spirituellen Wege irgendwann verlieren. Wir bauen uns einen inneren Zeugen, eine Art besseres Ich, das über dem Getümmel steht. Und dann arbeiten wir daran, möglichst oft dieser Zeuge zu sein. Doch der wahre Frieden liegt nicht darin, ein besserer Beobachter zu werden. Er liegt darin, zu schauen, ob es diesen getrennten Beobachter überhaupt gibt.

Die Suche nach dem, der schaut

Versuchen wir es einmal ganz einfach. Warte, bis der nächste Gedanke auftaucht. Und wenn er da ist, frage nicht, was er bedeutet. Frage jetzt nur, wer ihn wahrnimmt.

Nun suche nicht nach einer Antwort in Worten. Suche nach dem tatsächlichen Ort, an dem ein getrennter Beobachter sein müsste. Lenke die Aufmerksamkeit einmal um, weg vom Gedanken, hin zu dem, der angeblich schaut.

Was findest du? Die meisten Menschen finden zunächst nichts, was sich festhalten ließe. Kein kleines Ich in der Mitte des Kopfes, keine Person hinter den Augen, die den Gedanken empfängt. Sie finden nur wieder das Wahrnehmen selbst, offen und ohne Begrenzung. Da ist Gewahrsein, und da ist der Gedanke, aber die Grenze zwischen beiden lässt sich nicht wirklich ziehen.

Jetzt kannst du etwas ganz Einfaches bemerken. Der Gedanke und das Gewahrsein des Gedankens sind nicht zwei getrennte Dinge. Es gibt nicht erst das Denken und dann jemanden, der es betrachtet. Es gibt nur dieses eine wache Erkennen, in dem der Gedanke auftaucht und wieder vergeht.

Man kann es mit dem Sehen vergleichen. Wenn du einen Baum ansiehst, gibt es nicht dich, das Sehen und den Baum als drei getrennte Stücke. Es gibt nur das Sehen des Baumes, ein einziges Geschehen. Genauso ist es mit dem Denken. Es gibt nicht dich, das Beobachten und den Gedanken. Es gibt nur das Wahrnehmen des Gedankens, und darin ist alles enthalten.

Der Beobachter ist das Beobachtete

Es gibt einen Satz, der diese Erfahrung sehr klar auf den Punkt bringt. Der Beobachter ist das Beobachtete. Solange wir glauben, wir stünden dem Denken gegenüber, kämpfen wir mit ihm. Wir wollen die unangenehmen Gedanken, die Gedankenketten, loswerden und die angenehmen festhalten. Wir bewerten, korrigieren, unterdrücken. Und all das tut wieder ein gedachtes Ich, das sich für getrennt hält.

In dem Augenblick, in dem der getrennte Beobachter nicht mehr gefunden wird, geschieht etwas Überraschendes. Der Kampf hört von selbst auf. Nicht, weil wir gewonnen hätten, sondern weil niemand mehr da ist, der kämpfen müsste. Der Gedanke ist noch da, aber er ist nicht länger etwas, dem wir gegenüberstehen. Er erscheint im selben Raum, der auch wir sind.

Das lässt sich unmittelbar erfahren. Achte einmal darauf, wie ein Gedanke sich löst, wenn du ihn nicht weiterspinnst. Er taucht auf, und wenn du ihn nur wahrnimmst, ohne ihm nachzugehen, sinkt er von selbst zurück. Du musst nichts dafür tun. Das Gewahrsein, in dem das geschieht, war schon vor dem Gedanken da und bleibt, wenn der Gedanke gegangen ist.

Dieses Gewahrsein ist kein Zustand, den wir herstellen. Wir können es nicht erzeugen und wir können es auch nicht verlieren. Es ist immer schon offen. Selbst mitten im dichtesten Grübeln ist es unberührt gegenwärtig, so wie der Himmel von den Wolken nie wirklich verdeckt wird. Die Wolken ziehen durch, der Himmel bleibt.

Freiheit heißt nicht, den Kopf leer zu machen

Hier entsteht leicht ein Missverständnis. Viele meinen, Freiheit vom Denken bedeute, keine Gedanken mehr zu haben. Sie setzen sich hin und versuchen, den Kopf leer zu machen, und werden nur unruhiger, weil das Denken sich nicht befehlen lässt.

Darum geht es nicht. Gedanken dürfen kommen und gehen wie Wolken am Himmel. Sie sind nicht das Problem. Das Problem ist allein die Verwechslung, der Glaube, jeder Gedanke sei wer wir sind, und jeder Impuls müsse sofort zu uns gehören. Die Freiheit, um die es hier geht, ist die Freiheit, nicht mehr jeder Gedanke sein zu müssen.

Und diese Freiheit erreichen wir nicht, indem wir das Denken bekämpfen. Wir finden sie, indem wir immer wieder schauen, wer hier eigentlich denkt. Jedes Mal, wenn du bemerkst, dass du in Gedanken verloren warst, ist das kein Rückschlag. Es ist genau der Augenblick, in dem du erneut hinschauen kannst. Das Bemerken selbst ist schon die Freiheit.

Vielleicht zeigt sich mit der Zeit etwas Stilles und Schlichtes. Dass das, was du bist, nie der ruhelose Denker war. Sondern der offene, wache Raum, in dem alles Denken kommt und geht. Du musst diesen Raum nicht suchen und nicht herstellen. Du bist er bereits. Und aus dieser Gewissheit heraus verliert das Denken ganz von selbst seine Schwere, und in dir bleibt eine leise Weite, die durch nichts mehr getrübt wird.

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