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Das Auge, das sich selbst nicht sieht 

Über den einen Ort, den wir nie anschauen 

Den ganzen Tag über schauen wir auf Inhalte. Auf den Gedanken, der auftaucht. Auf das Gefühl, das sich meldet. Auf die Aufgabe, die vor uns liegt, auf das Gesicht des anderen, auf die Nachricht am Bildschirm. Unsere Aufmerksamkeit ist nach außen gerichtet, auf das, was wahrgenommen wird. 

Jetzt beschäftigen wir uns mit dem Ort, den wir nie anschauen. Es ist der Ort, von dem aus wir sehen. Versuchen wir es einmal. Da ist ein Gedanke, und da ist etwas, das ihn bemerkt. Da ist eine Körperempfindung, und da ist etwas, das sie wahrnimmt. Da ist ein Geräusch, und da ist etwas, das es hört. 

Was ist dieses Etwas? 

Die erste Antwort kommt schnell. Ich bin es. Ich denke, ich fühle, ich höre. Doch wer ist dieses Ich? Wenn wir danach suchen, finden wir zunächst einen Namen. Eine Geschichte, die wir über uns erzählen, oft mit vielen Kapiteln. Ein Körper, der sich über die Jahre verändert hat. Rollen, die wir gerade ausfüllen und leben. Erinnerungen an das, was war, und Erwartungen an das, was kommen soll. Doch all das ist wieder objektbezogen. Wieder etwas, das wahrgenommen wird. 

Der Gedanke, ich sei ungeduldig, ist ein Gedanke. Er erscheint und vergeht. Das Gefühl, verletzt zu sein, ist ein Gefühl. Es erscheint und vergeht. Das Bild von mir als jemand, der etwas leisten muss, ist ein Bild. Es erscheint und vergeht. Auch der Körper wird wahrgenommen, in Empfindungen, in Bildern, in Vorstellungen über sein Aussehen. Und immer wieder gilt: Da ist etwas, das all dies bemerkt. Dieses Etwas lässt sich nicht finden, solange wir es suchen wie einen Gegenstand. Es ist niemals das, was gesehen wird. Es ist immer das, was sieht. 

Ein Auge sieht alles, aber nicht sich selbst 

Ein Auge sieht alles im Raum, aber es sieht sich nicht selbst. Diese Erfahrung fühlt sich zunächst ungewohnt an, weil das Denken nach einem Ergebnis sucht und keines findet. Doch wer einen Augenblick lang bleibt, bemerkt etwas anderes: Wachheit. Präsenz. Etwas ohne Form, ohne Grenze und ohne Alter. 

Wenn ein Bild sich verteidigt 

Es war schon da, als wir Kinder waren. Es war in jeder Lebensphase da, in den leichten und in den schweren. Der Inhalt hat sich in all den Jahren vollständig verändert. Das, worin er erschien, hat sich nie verändert. Diese Unterscheidung hat sehr praktische Folgen. Denn immer, wenn wir uns bedroht fühlen, ist es ein Bild, das bedroht wird. Eine Vorstellung von uns, die wir verteidigen möchten. Kompetent zu sein. Verlässlich. Geliebt. Im Recht. Der Ärger, der aufsteigt, wenn jemand daran rührt, ist kein Zufall. Er ist ein Schutzmechanismus, der unser Selbstbild verteidigt. 

Ein Beispiel. In einer Besprechung sagt jemand, das sei so noch nicht durchdacht. Innerhalb einer Sekunde wird es eng. Der Puls geht schneller, Sätze formen sich, die erklären und richtigstellen wollen. Was hier jetzt reagiert, hat nichts mit der Sache zu tun. Es ist ein Bild, das gerade in Frage gestellt wird, das Bild von jemandem, der doch so gründlich arbeitet. Wenn das durchschaut wird, bleibt der Einwand stehen. Er darf sogar zutreffen. Nur die Dringlichkeit der Reaktion fällt weg. 

Das Gewahrsein selbst braucht diesen Schutz nicht. Ihm kann nichts genommen werden. Es war nie in Gefahr, in keiner einzigen Situation unseres Lebens. Wer das auch nur für einen Moment erkennt, reagiert anders. Der Ärger mag noch aufsteigen, doch er füllt nicht mehr den ganzen Raum. Die Kränkung ist da, doch sie wird nicht mehr als die Wahrheit über uns empfunden. Etwas hat sich gelöst, ohne dass wir es bekämpfen mussten. 

Bei dieser Herangehensweise taucht bei vielen Menschen zunächst Unruhe auf. Das ist ein gutes Zeichen. Das Denken sucht nach einem Ergebnis, nach etwas, das es festhalten und ordnen kann. Und es findet nichts. Diese Unruhe zeigt an, dass wir tatsächlich an der Stelle stehen, an der die gewohnte Art zu suchen an ihre Grenze stößt. Häufig mischt sich dann auch eine leise Sorge dazu: Wenn dieses feste Ich sich nicht finden lässt, wer bin ich dann? Bin ich dann niemand? Doch was sich hier auflöst, ist eine Vorstellung von uns. Nicht der Mensch. Der Name bleibt. Die Geschichte bleibt. Die Fähigkeiten, die Beziehungen, die Verantwortung, all das bleibt bestehen. Was sich ändert, ist nur die automatische Identifikation mit dem Selbstbild. 

Besonders spürbar wird das in Begegnungen. Wenn ich mit einer Idee von mir, die ich aufrecht erhalten möchte, in ein Gespräch gehe, werde ich von dieser Idee bestimmt, und höre anders zu. Ein Teil der Aufmerksamkeit ist damit beschäftigt, mein Bild von mir zu sichern. Wenn ich dieses Bild für einen Augenblick durchschauen kann, wird das Zuhören einfacher. Es ist für meinen Gesprächspartner, wie auch für mich, mehr Raum da, weil ich nichts verteidigen muss. 

Wie lässt sich das üben? 

Am einfachsten über den Körper, weil er immer anwesend ist. Spüre einen Moment lang die Hände. Die Berührung des Bodens. Den Atem, wie er kommt und geht. Jetzt stelle eine einzige Frage: Wer nimmt das gerade wahr? Suche keine Antwort. Jede Antwort kommt aus dem Denken, und das Denken ist wieder ein Inhalt. Lass die Frage offen stehen. Schau dorthin, woher sie kommt. Vielleicht bemerkst du für einen Augenblick eine Weite, die keinen Mittelpunkt hat. Die einfach da ist. Und die ganze Zeit da war. 

Diese Übung, ein Moment des Innehaltens, braucht keine besonderen Umstände. Sie geht im Wartezimmer, an der Ampel, mitten in einem Gespräch. Sie dauert wenige Sekunden und fällt niemandem auf. Und je öfter sie geschieht, desto vertrauter wird die Weite, in der alles erscheint. Diese Erfahrung lässt sich nicht festhalten, und sie muss auch nicht festgehalten werden. Sie ist kein Zustand, der erlernt oder erreicht werden kann. Sie ist das, was immer schon da ist, was wir nur nie bemerkt haben. Es ist wie ein Nachhausekommen. 

Etwas in uns wird still, wenn wir aufhören zu fragen, was uns gerade beschäftigt, und beginnen zu schauen, wen es beschäftigt. 

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