Die Freude des schöpferischen Handelns
Wir treffen täglich unzählige Entscheidungen. Wir antworten auf Nachrichten, führen Gespräche, setzen Grenzen, beginnen etwas oder beenden es. Meist geschieht das so schnell, dass wir kaum wahrnehmen, woher unser Handeln kommt. Ein Satz trifft uns, und wir antworten sofort. Eine Bitte wird an uns gerichtet, und wir sagen Ja, obwohl sich in uns alles zusammenzieht. Oder wir sagen Nein, weil wir uns angegriffen fühlen. Erst später merken wir, dass nicht die gegenwärtige Situation geantwortet hat, sondern eine alte Gewohnheit.
Wir handeln dann aus dem, was wir bereits kennen: Erwartungen, Erfahrungen, Verletzungen und Vorstellungen darüber, wie wir sein sollten. Wir wollen etwas erreichen, vermeiden, beweisen oder absichern. Auf diese Weise haben wir gelernt, uns in der Welt zu orientieren.
Doch dieses Handeln ist häufig mit einer kaum bemerkten Anstrengung verbunden. Wir glauben, alles selbst hervorbringen und kontrollieren zu müssen. Der gegenwärtige Augenblick wird zum Mittel für ein Ziel, das irgendwo in der Zukunft liegt. Selbst wenn wir erreichen, was wir wollten, entsteht nur für kurze Zeit Zufriedenheit. Bald erscheint das nächste Problem, das gelöst, und das nächste Ziel, das erreicht werden muss. Wie können wir mit dem sich immer wiederholenden Kreislauf umgehen?
Zuerst nach innen lauschen
Bevor eine Handlung entsteht, ist bereits Wahrnehmung da. Wir hören, sehen, empfinden. Der Körper antwortet. Der Atem verändert sich, der Bauch wird fest, der Brustraum weit oder eng. Dann folgen Gedanken, Bewertungen und Handlungsimpulse. Hineinhören bedeutet, diesen ersten Augenblick genau anzusehen und nicht sofort zu übergehen. Wir wenden uns dem zu, was tatsächlich da ist, bevor unsere gewohnte Geschichte übernimmt. Dabei geht es nicht um langes Nachdenken. Hineinhören ist kein Abwägen aller möglichen Folgen und keine Suche nach der vollkommenen Entscheidung. Es ist ein kurzes Zurücktreten in das stille Gewahrsein, in dem auch Unsicherheit, Angst und Widerspruch erscheinen dürfen.
Dieses Gewahrsein kann nicht gemacht oder erlernt werden. Es ist bereits da. Es ist die offene Präsenz, in der wir unseren Körper, unsere Gedanken und die Situation wahrnehmen. Wenn wir nach innen lauschen, verlassen wir die Welt nicht. Wir verlassen für einen Moment nur unsere Gewohnheit, sofort auf die Situation reagieren zu müssen. Der Weg nach innen ist deshalb keine Flucht aus dem Handeln. Er führt uns zurück zu dem Ort, aus dem alles, und auch unser Tun, hervorgeht. Folgen wir einem alten Muster? Wollen wir uns verteidigen, bestätigen oder unentbehrlich machen? Oder folgen wir einer Klarheit, die keiner langen Begründung bedarf? Manchmal zeigt sich diese Klarheit als Ja. Manchmal als Nein. Manchmal als Handeln und manchmal als bewusstes Warten.
Dem Erkannten eine Form geben
Der Weg nach innen findet seine Erfüllung nicht in einem dauerhaften Rückzug. Was wir erkennen, möchte gelebt werden. Es erhält eine Form in unseren Worten, Entscheidungen und Beziehungen. Nach innen erfahren wir die offene Präsenz, die wir sind. Nach außen handeln wir als dieser konkrete Mensch, mit unseren Fähigkeiten, unserer Geschichte und unseren Möglichkeiten. Diese beiden Richtungen widersprechen einander nicht. Sie gehören zusammen.
Ohne das Hineinhören wird unser Tun von Erfahrungen der Vergangenheit, Mangel, Angst und Gewohnheit bestimmt. Ohne die Bereitschaft zu handeln kann die Stille zu einem Versteck werden. Wir vermeiden dann Entscheidungen und nennen es Gelassenheit. Wir ziehen uns zurück und halten das für Freiheit. Wirkliche Freiheit zeigt sich jedoch darin, dass wir an allem teilhaben können, ohne uns für den alleinigen Ursprung des Geschehens zu halten.
Wir entscheiden, sprechen und handeln. Zugleich erkennen wir, dass keine Entscheidung unabhängig vom Ganzen entsteht. Unsere Erfahrungen, unsere Begegnungen, der Körper, die gegenwärtige Situation und vieles, was wir nicht überblicken können, wirken zusammen. Der Gedanke „Ich mache das“ erscheint innerhalb dieses umfassenden Geschehens. Er ist nicht dessen alleinige Ursache. Das nimmt uns die Verantwortung nicht ab. Im Gegenteil: Wir müssen uns weniger mit unserem Selbstbild beschäftigen und können genauer wahrnehmen, was die Situation verlangt. Verantwortung bedeutet dann, dem Erkannten eine angemessene Form zu geben, so klar und aufrichtig, wie es uns möglich ist. Wir sind ganz beteiligt, ohne alles allein tragen zu müssen.
Auch ein Nein kann Ausdruck von Freude sein
Handeln aus Präsenz bedeutet nicht, immer freundlich, sanft oder nachgiebig zu sein. Eine klare Antwort kann unbequem sein. Sie kann eine Grenze, einen Abschied oder eine Wahrheit verlangen, die jemand nicht hören möchte.
Der entscheidende Unterschied liegt nicht im äußeren Erscheinungsbild. Er liegt darin, woher die Handlung kommt.
Ein Nein aus Angst, Widerstand oder Verletzung trägt die Vergangenheit weiter. Ein Nein, das aus klarem Hineinhören entsteht, muss niemanden abwerten. Es kann fest sein, ohne hart zu werden. Es verteidigt kein Bild von uns, sondern antwortet auf das, was jetzt erkannt wird.
Auch ein solches Nein kann Lila sein. Lila bezeichnet das freie, schöpferische Spiel des Lebens. Das eine, ungeteilte Sein erscheint in unzähligen Formen: als Stille und Klang, als Empfangen und Gestalten, als Zuwendung und Grenze, als Innehalten und entschlossenes Tun. Spiel bedeutet dabei nicht Beliebigkeit. Ein Kind, das wirklich spielt, oft in seinem Spiel versunken ist, ist vollkommen beteiligt. Es verfolgt kein Ziel, doch es ist aufmerksam und schöpferisch. In diesem Augenblick fehlt nichts.
So kann auch unser Handeln sein. Wir tun, was zu tun ist, ohne den gegenwärtigen Moment nur als Durchgangsstation zu behandeln. Wir handeln nicht mehr ausschließlich, um ein Ziel zu erreichen, später vollständig, sicher oder glücklich zu sein. Wir handeln aus der Fülle des Lebens heraus, die immer da ist. Darin liegt Freude. Diese Freude ist kein Lohn für eine richtige Entscheidung. Sie hängt nicht davon ab, ob alles gelingt. Sie ist auch nicht mit Begeisterung oder guter Laune zu verwechseln. Sie ist die stille Lebendigkeit, die spürbar wird, wenn wir nicht länger gegen uns selbst handeln.
Friede und Freude sind die Essenz unseres Seins. Im schöpferischen Handeln bringen wir diese Essenz zum Ausdruck. Vielleicht als Wort, als Geste, als Werk, als Grenze oder als stilles Dableiben.
Ein Atemzug vor der Antwort
Wir können das mitten im Alltag erforschen. Bevor wir auf eine Nachricht antworten, eine Entscheidung treffen oder einem Impuls folgen, halten wir für einen Atemzug inne. Wir spüren den Körper und nehmen wahr, was in uns geschieht. Wir suchen nicht nach einer besonderen oder spirituell richtigen Antwort. Wir gehen auf Empfang, lauschen. Dann handeln wir und sind ganz beteiligt. Vielleicht folgt die Handlung weiterhin einem vertrauten Muster. Aber es ist uns bewusst. Freiheit entsteht nicht dadurch, dass wir jede Gewohnheit sofort überwinden. Sie beginnt damit, dass wir sie wahrnehmen und uns nicht mehr vollkommen mit ihr identifizieren.
Mit der Zeit kann sich unser Handeln verändern. Es wird nicht zwangsläufig leiser, sanfter oder langsamer. Doch es wird ehrlicher und direkter. Wir antworten weniger aus dem Bild, das wir von uns haben und verteidigen, und mehr aus dem, was der Augenblick erkennen lässt. Das Hineinhören führt uns deshalb nicht fort von der Welt. Es führt uns tiefer in sie hinein. Nach innen erkennen wir, dass wir nicht von dem Leben getrennt sind. Nach außen geben wir diesem Erkennen eine Form. Empfangen und Gestalten sind zwei Richtungen desselben Lebens. Die Frage lautet daher:
Wie verändert sich mein Handeln, wenn ich zuerst nach innen lausche und dann dem Erkannten eine Form gebe?