Verschleierungen

Was wir sehen, ist nie das Objekt selbst. Es ist immer schon eine Wahrnehmung mit einer Geschichte, eine Übersetzung, eine individuelle Deutung. Das Glas zwischen uns und dem Objekt. Der Nebel, der den Wald, den Ort, die Landschaft nicht verbirgt, sondern in etwas verwandelt, das weit über das was ist hinausgeht. Der Sturm, in dem Wasser, Erde und Luft aufhören, getrennte Elemente zu sein. 

Der Schleier ist nicht ein Hindernis vor dem Sichtbaren. Er ist eine Aufforderung, tiefer zu sehen. 

In der indischen Philosophie beschreibt Maya die illusorische Natur der erscheinenden Welt. Dabei geht es nicht um eine Verneinung des Sichtbaren, sondern um den Hinweis, dass das, was wir für die Wirklichkeit halten, immer schon eine Erscheinung unserer Vorstellungskraft ist. Ein Schleier über einem Schleier. Und darunter das, was keine Form annehmen kann und dennoch in jeder Form spürbar ist. 

Diese Bilder entstehen aus diesem Wissen. Menschen, deren Gesichter sich auflösen und gerade darin sichtbar werden. Räume, in denen das Licht nicht strahlt, sondern atmet. Wasser, ohne Oberfläche als Zustand. 

Was bleibt, wenn der Schleier sich nicht hebt, sondern weicher, unterschiedlich transparent wird? Was zeigt sich, wenn wir aufhören, scharf zu sehen, und beginnen nur aufzunehmen, ohne Dinge gleich zu benennen oder ihnen Bedeutung zu geben? Auf Empfang gehen? 

In uns wächst eine Stille, die alles durchdringt. Ein wertfreier Raum entsteht im Verborgenen, erfüllt von der Freude an den Formen, die pulsierend ganz nah und dann wieder ganz fern, fasst verschwunden sind.